Das 19.000 km3-Aquarium

Es gibt kaum einen Aquarianer, der nicht davon träumt, „seine“ Fische einmal im größten Aquarium der Welt zu beobachten: Dem natürlichen Lebensraum. Im 18.800 km3 fassenden Tanganjikasee ist dies sogar vergleichsweise einfach, denn er besitzt sehr klares Wasser und eine enorme Fischdichte. Schon bei nur einem Blick unter die Wasseroberfläche sieht man mindestens zehn Arten, die wir auch in Aquarien finden. Reisen Sie aber nach Südamerika und steigen mit Taucherbrille bewaffnet in den Rio Negro, so sehen Sie außer teefarbenem Wasser nichts. Selbst die großen Süßwasserdelfine kommen nicht so nahe an Sie heran, dass Sie die Delfine unter Wasser sehen können. Dazu ist dann schon eine Fütterung der Tiere nötig.

Aber mit etwas Glück findet der reiselustige Aquarianer in den Tropen Gewässer, die eine gewisse Sichtweite zulassen und dann steht der Begegnung mit seinen „Lieblingen“ nichts mehr im Wege. Einer der häufigsten Wünsche der Aquarianer in Südamerika besteht sicherlich im Beobachten von Diskus, Neon, Zwergbuntbarschen, Welsen und Süßwasserrochen – den Big Five Südamerikas. Vom Diskus abgesehen, bestehen gute Chancen diese Fische auch in ihrem natürlichen Biotop zu finden. Nur beim Diskus ist es reiner Zufall, denn bekannte Orte, an denen Diskus zu finden sind, existieren nicht (mehr), denn dort würden die Fänger sofort aktiv werden. Da Neon wirklich große Schwärme bilden und in der Region Barcelos am Rio Negro sicher zu finden sind, ist eine Begegnung möglich. Spannend sind die wirklichen Lebensbedingungen, in denen die Roten Neon leben: Das Wasser enthält praktisch keine Mineralien und ähnelt destilliertem Wasser, der pH-Wert ist mit 4,0 so sauer, dass nicht einmal Mosquitolarven überleben und das Wasser ist extrem braun gefärbt. Pflanzen Fehlanzeige und Plankton, von dem sich Rote Neon ernähren, finden wir auch kaum. In einem Planktonnetz mit 30 cm Durchmesser, dass 30 Minuten während einer Bootsfahrt gezogen wurde, befanden sich ganze vier kleine Planktonorganismen!

Sobald das Wasser in den Nebenflüssen klarer wird, können recht viele Fischarten beobachtet werden: Buntbarsche, Messerfische, Salmler und Welse. Hier ändern sich dann auch die Wasserwerte: Der pH-Wert steigt in Richtung 7, die Härte zeigt ein bis drei Grad an und sobald Eisen im Wasser messbar ist, finden wir auch an einigen Stellen Wasserpflanzen. Genau dies sind die Orte, wo sich ein Blick unter Wasser lohnt. Im Bereich der Pflanzen tobt das Leben.

Etwas südlich vom Amazonasbecken beginnt das größte Sumpfgebiet der Welt, das Pantanal. Im nördlichen Teil finden wir immer noch Arten, die auch in der Amazonas-Region zu finden sind, nur diesmal nicht in undurchsichtigem Wasser, sondern in einem der klarsten Gewässer der Welt. Die Sichtweite kann durchaus über 50 Meter betragen. Hier können Sie Rochen begleiten, wie sie im Sand nach Nahrung suchen und Piranhas beobachten, wie sie Sie beobachten.

Über den Sandflächen klarer Seen leben Geophagus-Arten, die Ihrem Namen „Erdfresser“ alle Ehre machen. Unermüdlich buddeln sie im feinen Sand. Salmlerfreunde werden erstaunt feststellen, dass Blutsalmler keine Schwarmfische sind, sondern immer einen Abstand von einem Meter zum nächsten Individuum einhalten. Kommt man sich näher, fliegen die Fetzen, auch wenn in der Literatur etwas anderes steht. Aber Salmler können nun mal nicht lesen.

Lebendgebärende Zahnkarpfen wie Guppy, Schwerträger und Segelkärpflinge zählen zu den beliebtesten Aquarienfischen überhaupt. In Mittelamerika (Belize, Mexiko, Costa Rica) bestehen die besten Chancen, diese Fischarten zu sehen. Aquarianer beobachten oft, dass Lebendgebärende auch an Pflanzen herumzupfen. In den Biotopen kommen dagegen nur selten Pflanzen vor. Dafür verhalten sie sich wie Aufwuchs fressende Buntbarsche aus dem Malawisee: Sie fressen mit ihrem oberständigen Maul (!) an Algen herum, die auf dem Untergrund wachsen. Biologen finden so etwas gar nicht lustig, da es alle Theorien über den Haufen wirft. Ein weiterer Aspekt der mittelamerikanischen Flüsse ist interessant: Die Schwertträger schwimmen bis kurz vor die Flussmündung, in der sich das Flusswasser bereits sehr stark mit Meerwasser mischt. Sie schwimmen aber auch wieder weit den Fluss hinauf, der im Verlauf immer weniger Salze enthält und irgendwann richtig weiches Wasser mit nicht messbarer Härte enthält. In Aquarien bekommen wir aber massiv Probleme, wenn wir Fische von sehr hartem in sehr weiches Wasser umsetzen. Dieser osmotische Schock wird durch den plötzlichen Einstrom von Wasser in die Körperzellen verursacht. Aber warum passiert den Fischen in den Flüssen nichts? Die Antwort ist einfach: Schwerträger schwimmen nicht mit 100 km/h den Fluss hinauf, sondern sehr gemächlich. So hat ihr Körper viel Zeit, sich an veränderte Salzgehalte zu gewöhnen.

Egal, welche Fische Sie in Ihrem Aquarium pflegen, eine Beobachtung dieser Arten im Biotop würde Ihnen helfen, die Ansprüche und Verhaltensweisen besser zu verstehen und so manche Nachzucht ermöglichen, die bisher nicht funktioniert hat.

© 11.01.2022
Heiko Blessin
Heiko Blessin
Dipl.-Biologe

Tauchen, Fotografie, Aquaristik, Haie, Motorrad

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